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Chytridpilz bedroht Feuersalamander

07.11.2017 Tödliche Gefahr für den Feuersalamander

Eine neue Bedrohung für Schwanzlurche

Im Juli wurde im Stadtwald in Essen ein erkrankter Feuersalamander gefunden, bei dem ein Hautpilz festgestellt wurde. Der Fund bietet Anlass zur Sorge.

Salamander-Chytridpilz: Kenntnisstand

Feuersalamander aus dem Essener Stadtwald

Batrachochytrium dendrobatides
Als in den 1990er Jahren der Rückgang der Amphibien immer offensichtlicher wurde und eine Hautpilz-Erkrankung als ein möglicher Verursacher des weltweiten „amphibian decline“ ausgemacht wurde, änderte sich das rasch. Nicht nur in Fachkreisen auch in den Medien wurde zunehmend berichtet. Der Erreger Batrachochytrium dendrobatides, ein Amphibien-Hautpilz, wurde 1999 beschrieben (Longcore et al. 1999). Er befällt vor allem Froschlurche, ist weltweit verbreitet und tritt auch in ganz Europa auf. Deutlich wurde auch, dass er erst durch menschliches Zutun aus Südafrika weltweit verschleppt wurde. Außerhalb des südlichen Afrikas waren die Amphibien auf diesen neuen Erreger nicht eingestellt und in vielen Regionen, besonders in Teilen Mittel- und Südamerikas und Australiens rafft der Erreger viele Populationen hinweg. Mutmaßlich sind durch ihn auch Arten ausgestorben.
Es war der erste bekannte Fall, bei dem ein neobiotischer Krankheitserreger zu einer Gefahr für Amphibienbestände wurde. Eingeschleppt wurde der Erreger vermutlich überwiegend mit südafrikanischen Krallenfröschen, die als beliebte Labor- und Aquarientiere weltweit gehandelt wurden. Auch in Europa ist der Erreger weit verbreitet. Nachgewiesen ist er bei fast allen daraufhin untersuchten europäischen Amphibien. In Deutschland wurde unter ca. 3000 untersuchten Amphibien eine Prävalenzrate von ca. 10 % nachgewiesen (Ohst et al. 2011). Möglicherweise hat die Erkrankung schon vor Jahrzehnen in den Beständen Tiere hinweggerafft, ohne dass das je aufgefallen ist und untersucht wurde. An einem Krallenfrosch aus dem Jahr 1938 konnte der Erreger tatsächlich noch 70 Jahre später nachgewiesen werden (Weldon et al. 2004).

Batrachochytrium salamandrivorans
Der Salamander-Chytridpilz mit dem Namen Batrachochytrium salamandrivorans wurde erst 2013 wissenschaftlich beschrieben. Er befällt die Haut von Schwanzlurchen, insbesondere des Feuersalamanders. Nach bisherigen Erkenntnissen bedeutet das für fast alle betroffenen Tiere den sicheren Tod (die Mortalitätsrate liegt bei über 96%).
Aufgefallen ist der neue Erreger erst nachdem es zuvor in den Südostniederlanden (Limburg) zu gewaltigen Bestandseinbrüchen beim Feuersalamander gekommen war. Innerhalb weniger Jahre ist er hier fast völlig verschwunden. Auch angrenzend in Belgien und in der Eifel wurde der Hautpilz zwischenzeitlich gefunden. Mit dem Fund 2017 in Essen liegt erstmals ein Befall außerhalb des bisherigen Areals Südlimburg/Belgien/Eifel vor.
Der Erreger wurde besonders an ostasiatischen Molchen festgestellt, die nicht unbedingt alle erkranken. In Ostasien ist er in Molchpopulationen inzwischen auch im Freiland nachgewiesen. Es wird daher angenommen, dass er durch asiatische Molche nach Europa eingeschleppt wurde. Insbesondere, die in der Terraristik und Aquaristik sehr beliebten Feuerbauchmolche und einige weitere Arten, die hier seit vielen Jahrzehnten gehandelt werden, sind mögliche Vektoren. Für die hiesigen Schwanzlurche ist er ein neuer Erreger und resistente Tiere sind offenbar sehr selten. Neben Feuersalamandern werden auch die anderen heimischen Schwanzlurche von dem Hautpilz befallen.
Angesichts der hohen Mortalitätsrate bei Feuersalamandern von annähernd 100% muss mit gewaltigen Bestandseinbrüchen und z. T. auch Totalverlusten von Populationen gerechnet werden.

Salamander-Chytridpilz: Erste Nachweise in Essen

Befallener Feuersalamander im Essener Stadtwald

Eine neue Bedrohung für Schwanzlurche nun auch im Ruhrgebiet

Im Juli wurde ein erkrankter Feuersalamander im Essener Stadtwald (am Eschenweg) von einer aufmerksamen Anwohnerin gefunden. Zwei Proben von dem Tier wurden parallel an den Universitäten in Braunschweig und Ghent (Belgien) getestet. Beide bestätigen einen Befall mit einem Hautpilz. Inzwischen wurden weitere Tiere der Population positiv getestet.

Bereits ein Jahr zuvor, 2016, wurden in Essen tote Feuersalamander gefunden und von der BSWR eingesammelt. Eine Untersuchung dieser ersten Funde durch die Universität Trier erbrachte kein Ergebnis, doch waren die Rahmenbedingen damals auch sehr viel ungünstiger für eine Untersuchung – die Tiere waren bereits mehrere Tage tot, nur im Kühlschrank gelagert und konnten erst im November der Universität Trier übergeben werden. Vermutlich waren die Tiere tatsächlich bereits Opfer eines beginnenden Seuchenzuges.

Die aktuelle Situation erfordert erhöhte Aufmerksamkeit und wir müssen die Feuersalamander-Populationen in Essen und Umgebung in Zukunft sicher genau im Auge behalten.
Amphibien-Krankheiten – dafür hatte sich lange niemand interessiert. Amphibien werden wirtschaftlich nicht genutzt, so dass weder Veterinärmediziner noch Biologen dieses Thema jemals ernsthaft angingen. Forschunggelder wären dafür kaum zu akquirieren gewesen. Wissenschaftliche Abhandlungen gab es daher kaum und über Jahrzehnte war ein dünnes Büchlein von Reichenbach-Klinke (19) das einzige im deutschsprachigen Raum in dem das dürftige Wissen zusammengefasst wurde.

Inzwischen liegen eine ganze Reihe von Nachweisen in Essen und Bochum vor, dazu kommen Nachweise in Mülheim an der Ruhr und Witten.

Vortrag

Vortrag zum Salamanderfresserpilz hier abrufen (Version 05.04.2019) ..... [2.990 KB]

Salamander-Chytridpilz: Weitere Informationen

Internet
BsalEurope - Mitigating Batrachochytrium salamandrivorans in Europe
Download PNAS 2013
DGHT Handlungsempfehlungen
LANUV: Informationen und Hygieneprotokoll
AK A+R NRW: Vortrag 2016

Publikationen
Longcore, J. E., Pessier, A. P., and Nichols, D. K. (1999): Batrachochytrium dendrobatidis gen. et sp. nov., a chytrid pathogenic to amphibians. – Mycologia 91: 219-227.
Ohst, T.; Gräser, Y.; Mutschmann, F.; Plötner, J. (2011): Neue Erkenntnisse zur Gefährdung europäischer Amphibien durch den Hautpilz Batrachochytrium dendrobatidis. – Zeitschrift für Feldherpetologie 18: 1-17.
Stegen et al. (2017): Drivers of salamander extirpation mediated by Batrachochytrium salamandrivorans. – Nature 544, 353-356
Van Rooij et al. (2017): Efficacy of chemical disinfectants for the containment of the salamander chytrid fungus Batrachochytrium salamandrivorans. – PloS ONE 12 (10): e0186269
Weldon, C.; du Preez, L. H.; Hyatt, A. D.; Muller, R.; Speare, R. (2004): Origin of the amphibian chytrid fungus. – Emerging Infectious Diseases 10: 2100-2105.

Biologische Station Westlisches Ruhrgebietn e.V.; info@bswr.de
info@bswr.de; Tel. 0208 / 46 86 090

Letzte Änderung am Dienstag, 20. Juli 2021 um 17:13:25 Uhr.

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